Barkel

Christian Finkenstaedt ist täglich im Barkeler Busch unterwegs. Dort steht sein Elternhaus und er ist wohl der letzte gebürtige Barkeler, der noch dort wohnt. Aus seiner Kindheit erinnert er sich an Bernd Ei, der eigentlich Janßen hieß und aus seinem Fahrradkoffer Schnürsenkel verkaufte. Und an Eleonore Theilen, nach deren Familie der Theilenweg benannt ist. Christian Finkenstaedt, der 1943 eingeschult wurde, kam eines Tages an ihrem Haus vorbei. Es war eingestürzt. Die Bewohnerin lag unversehrt im Alkoven.

Der Barkeler machte zwei Jahre Lehre und ein Jahr Praktikum in einer Gärtnerei in Schleswig-Holstein. Als selbstständiger Gärtner veredelte Christian Finkenstaedt hauptsächlich Rosen und Obstbäume, arbeitete in Großbritannien und den Niederlanden. Nach seiner Hochzeit habe er sich in Barkel festgesetzt. Den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern, 40 Hektar Grün- und Ackerland, verpachtete er. Früher hielten sie 30 Kühe, erinnert sich Christian Finkenstaedt. Heute müssten es schon 80 Tiere zum Leben sein. Der
Pächter habe 200 Rinder. Zu Christian Finkenstaedts Besitz gehörten zudem zehn Hektar Unländereien, also anmoorige Flächen, die im Winter unter Wasser standen, aber vor 20 Jahren entwässert und aufgeforstet wurden. Er schenkte sie seiner Tochter, die sich ebenso für Natur begeistern kann. Früher lebte in Barkel die Bekassine, es blühte der Lungenenzian. Als der Flugplatz Upjever erweitert werden sollte, wurde eine Reiherkolonie, die in der
Einflugschneise lag, mit Hilfe der Landesregierung in den 40 Hektar großen Barkeler Busch umgesiedelt. Christian Finkenstaedt fütterte die Jungreiher. Aus sieben Brutpaaren im ersten Jahr wurden 49. Dann aber wurden bei der Flurbereinigung Gräben planiert, und die Reiher zogen sich wieder nach Upjever zurück. Dort gibt es noch sieben Brutpaare, sagt Christian
Finkenstaedt, der Mitglied der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz (WAU) e.V. ist. Ab und zu stehen Reiher in den flachen Barkeler Teichen. Außerdem gibt es Seeadler. Christian Finkenstaedt hat Eulenkästen aufgehängt. In einem der Teiche schuf er Brutmöglichkeiten für Haubentaucher und Eisvogel. Dort züchtete Christian Finkenstaedt Forellen in Netzgehegen. Ein Leben in der Enge der Stadt kann er sich nicht vorstellen.

Schon als Kind spielte Christian Finkenstaedt das Jagdhorn seines Vaters. Später trat er mit seinem Fürst-Pleß-Horn dem Jagdhornbläserkorps Jeverland, einem von dreien in Friesland bei. Gerne würde er wieder eine Hubertusmesse spielen. Dafür müsste mindestens drei Monate zuvor geprobt werden. Als Christian Finkenstaedt 17 Jahre alt war, brachte sein Vater vom Doppelkopfabend ein Jagdgewehr mit. Der Jugendliche schoss seinen ersten Rehbock, legte aber nie Wert auf Trophäen. Die Jagd sieht er kritisch. Denn von 35 Teilnehmern eines Jägerkurses seien höchstens zehn Prozent in einer Jagdgenossenschaft. Im Barkeler Busch sind rund 25 Stück Rehwild im Bestand. Von den vier Böcken dürfen einer bis zwei geschossen werden. Es finden sich Füchse, nur noch wenige Hasen, von denen früher 30 bis 40 bei einer Jagd geschossen wurden, als die Landwirtschaft weniger intensiv war. Als
Weihnachtsbraten schießt Christian Finkenstaedt jeweils einen Hasen. Rebhühner gebe es nicht mehr. Dafür zogen drei Wildschweine durch, von denen eins bei Roffhausen geschossen wurde. Hunde und Läufer bringen Unruhe in den Wildbestand. Im Frühjahr verließen zwei Ricken ihre Kitze. Eines kam nach Wilhelmshaven zur Aufzucht. Dazu sei Spezialmilch erforderlich, sagt Christian Finkenstaedt. Zudem werden Böcke in der Blattzeit gefährlich und sehen jedes männliche Wesen als Konkurrent. Zuhause hält Christian Finkenstaedt Hühner, seine Tochter hat auch Ziervögel.

Nach Barkel, so Christian Finkenstaedt, zogen sich schon die Oestringer vor den
Wangerländern in eine um 1150 errichtete Kapelle zurück. Heinrich der Löwe soll hier auf dem Weg nach England gelagert haben. Pastor Carl Woebcken grub zu Beginn des 20. Jahrhunderts an der Stelle des Gotteshauses. Manchmal werden noch Steine hochgepflügt. Er selbst habe schon Münzen gefunden, sagt Christian Finkenstaedt. Diese stammten aber aus der Zeit Johann Heinrich Plagges, nach dem die Plaggestraße benannt ist. Er kaufte um 1740
das Gelände des späteren Barkeler Busches von dem Regenten Jevers, dem Fürsten von Anhalt-Zerbst. Plagge wohnte zwar im Kirchspiel Sillenstede, stand aber der Gemeinde Schortens vor. Bevor Plagge den Busch anlegte, war hier Birkenheide, woran die Birkenstraße erinnert. Die gehöre aber nicht zu Barkel, wie auch das Kaffeehaus Barkel eigentlich im späteren Wasserwerksbusch liege, so Christian Finkenstaedt. Auf der Heidefläche sei
vielleicht etwas Hafer angebaut worden, leben konnte davon wohl niemand. Noch zu seiner Kindheit begann etwa 200 Meter vom Haus entfernt das Barkeler Meer, oder Barkeler Moor, wie Barkeler es nennen. Es ist rund 80 Hektar groß und grenzt an Heidmühle. Dort wurde früher Lehm gegraben. Der hochwertige Ton wurde zu Barkeler Fayencen, heute im Schlossmuseum Jever ausgestellt, verarbeitet oder bis in die Niederlande verschifft, wo er den
Delfter Kacheln beigemischt wurde. Noch bis zum zweiten Weltkrieg holten sich Bauern aus dem Barkeler Meer in einem Meter Tiefe den blauen Ton für ihre Dielen, um darauf zu dreschen.

Um 1760 wurde mit der Aufforstung der Geestflächen begonnen, sagt Christian Finkenstaedt. Gedüngt wurde mit Plaggenesch, Heide vermengt mit Tierdung. Die Barkeler Allee von Ostiem nach Barkel, heute teils in einem Baggersee versunken, wurde angelegt. Familie Plagge nahm Wegegeld, ließ Heuerlingshäuser errichten, deren Bewohner zwei Schweine, eine Kuh und etwas Grünland hatten. Sie hielt den Barkeler Busch bis 1922, als Familie
Finkenstaedt, die sich auf Juristen aus Osnabrück zurückführt, das Land erwarb. Zwischen den Weltkriegen siedelten Werftarbeiter aus Wilhelmshaven in Barkel. Um Ortsteil zu werden, seien Barkels 60 Einwohner aber zu wenig, und die Häuser lägen zu verstreut. Vor einigen Jahren entstanden eine Station und ein Wohnheim der Gemeinnützigen Gesellschaft für paritätische Sozialarbeit mbH (GPS).

An der Barkeler Allee kann man noch an einer rund einen Meter vorstehenden Eiche die Grenze zwischen Schortens und Sillenstede erkennen. An dieser Stelle entstand 1935 die Funksendestelle der Marine. Als sein Vater 1955 aus Kriegsgefangenschaft heimkehrte, verzichtete er darauf, das Gelände zurückzufordern. Am Kabel, das in der Barkeler Allee verläuft, hing früher die ganze NATO, erwähnt Christian Finkenstaedt. Vor dem zweiten Weltkrieg entstanden weitere Seen, denn die Kiesader von mindestens drei
Metern Stärke wurde abgebaut. Dabei soll 1935 die Leiche eines verschollenen Kaufmanns gefunden worden sein. Die Hitlerjugend nutzte das Gelände für Übungen, legte Radwege durch den Barkeler Busch. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen sich immer öfter Badegäste aus dem wachsenden Grafschaft mit dem Sandabbau in die Quere, Radlader fuhren über Luftmatratzen. So wurden Flächen zum Baden und Angeln ausgewiesen. Den Angelverein,
gegründet von Beta-Öl, gebe es immer noch, sagt Christian Finkenstaedt.

Der Borkenkäfer hat im Barkeler Busch keine Chance. Fichten gingen hier ohnehin ein, die meisten Bäume sind Buchen, einige Eichen und Douglasien, die auch mit höheren Temperaturen klar kommen. Holz wird direkt als Brennholz oder über die Landwirtschaftskammer Weser-Ems vermarktet. Buche aus dem Barkeler Busch, früher zu Schulmöbeln verarbeitet, geht heute bis nach China. Für die Zukunft wünscht sich Christian Finkenstaedt, dass der Barkeler Busch als Landschaftsschutzgebiet erhalten bleibt.

Aufgeschlossene Menschen gesucht

Geschichte Der Leiter des Olympia-Museums Roffhausen sucht Nachfolger

Roffhausen-/ Seit 2007 gibt es im Technologie Centrum Nordwest (TCN) in Roffhausen das Olympia-Museum des Heimatvereins Schortens von 1929 e.V. Vor rund zehn Jahren übernahm Peter Homfeldt dessen Leitung. Er erweiterte die von Alfred Amman und Dr. Regina Rüdebusch begonnene Ausstellung von einem Raum mit Regalen auf zwei Räume, schaffte mit Förderung des Landes Niedersachsen Vitrinen an, in denen die Exponate die Geschichte der Olympia-Werke, ihrer Menschen und Produkte anschaulich darstellen. Rund 40 Büromaschinen sind ausgestellt, beginnend mit der AEG Mignon-Schreibmaschine, die es ab 1903 erstmals erlaubte, mittels Kohlepapier Durchschläge zu produzieren, deren Leserlichkeit nicht von der Handschrift des Verfassers abhing. Auch Olympia-Filme und Werkszeitschriften wie der „Olympia-Ring“ von 1951 bis 1970 ergänzen die gern besichtigte Ausstellung, die jährlich zwischen 400 und 500 Gäste zählt. Es gibt Maschinen zum
Ausprobieren in bequemer Stehhöhe und ein kleines Lager mit Sondermodellen, die nicht ständig gezeigt werden, etwa einer Schreibmaschine mit chinesischen Schriftzeichen. Selten werden noch Schreibmaschinen angeboten, berichtet Peter Homfeldt, die beim Aufräumen entdeckt wurden. Die vermeintlichen Spender frage er dann stets, ob sie das Gerät für so schön hielten, dass sie es sich selbst ins Wohnzimmer stellen würden.

Peter Homfeldt, der 1953 bis 1989 „Olympianer“ und im Produktmanagement tätig war, möchte altersbedingt nun kürzertreten und die Museumsleitung einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin übergeben. Es solle jemand sein, der oder die gerne kommuniziert, an Wochenenden zeitlich flexibel ist und sich über die Besuchergruppen, die auch gerne die benachbarte Cafeteria „Olymp“ nutzen, freut. Öffnungen gebe es nur für Gruppen auf Anmeldung. Technisches Detailwissen sei weniger nötig, das brächten die Gäste meist mit,
versichern Peter Homfeldt und Heimatvereinsvorsitzender Johannes Peters. Aufgrund seiner Größe können Abstände mit mehreren Personen im Olympia-Museum kaum eingehalten werden. Anfang 2020 gab es noch rund 50 Gäste, seither ist das Olympia-Museum zu. Wenn es Lockerungen gibt, so hoffen Peter Homfeldt und Johannes Peters, kommen wieder Radausflüge vorbei, und der Kontakt zu Bildungseinrichtungen wie den Berufsbildenden Schulen Wilhelmshaven, quasi die Enkelgeneration der Olympianer, lebt wieder auf.
Sonderausstellungen seien künftig ebenso denkbar wie Bachelorarbeiten zu bestimmten Themenschwerpunkten. Interessierte, die sich von Peter Homfeldt einarbeiten lassen möchten, können sich gerne unter 04461/80418 melden.

In Schortens erklingen wieder alle drei Glocken

von Henning Karasch
Kirche Drei Tage lang wurde im Turm der St. Stephanus-Kirche gearbeitet


Flechsen und Hämmern statt Glockenklang war aus dem Turm der altehrwürdigen St. Stephanus-Kirche zu hören. Mit weitem Ausblick, allerdings bei eisigem Wind arbeiteten dort Jan Ohle und Pascal Behla, Servicetechniker für Glocken- und Uhrentechnik der Otto Buer GmbH & Co KG, früher im Kreis Melle, heute in Neustadt in Holstein beheimatet. Sie erneuerten innerhalb von drei Tagen die Lager der Süd- und Nordglocke sowie das Seilrad der Nordglocke denkmalgerecht.

Die Lager der Glocken verschleißen einseitig, sagte Jan Ohle, durch die Kraft der
Pendelbewegung der jeweils rund 1,5 Tonnen schweren Glocken. Die Lager bestehen aus gehärtetem Stahl mit einem Gusseisengehäuse. Sie hatten bei der Südglocke aus Eisehartguss immerhin seit 1949, bei der bronzenen Nordglocke seit 1959 gehalten. Dem Material setzen salzhaltige Luft und seitlicher Regenschlag zu, so der Fachmann. Die Lager werden alle halbe Jahr gut geschmiert. Das Seilrad der Nordglocke war noch original. Die Seilräder der
Südglocke und der über 200-jährigen Westglocke sollen neuer sein. Die jetzige Reparatur kostete rund 6800 Euro. Die Westglocke sei mit 700 Kilogramm eher ein Leichtgewicht, zeige daher weniger Verschleiß. Ein häufiger Schaden, so der Fachmann, sei das Zerschlagen der Glocke durch den beim Läuten verdichteten Klöppel, wobei Stahl auf Bronze oder Bronzeballen auf Eisenhartguss träfen.

Vor zwei Jahren war Johannes Peters, Nachbar aus der Dorfschmiede und regelmäßig zum Beiern im Turm, aufgefallen, dass die Südglocke beim Auspendeln bis auf fünf Millimeter ans Mauerwerk kam. Vor einem Jahr waren es noch drei Millimeter, sagte der Maschinenbau- und Schweißingenieur, dessen Vater, Schmied Benno Peters, die Glocke mit Hein Memmen und anderen Männern aufgehängt hatte. Nun hatte die Südglocke „ihr Ziel erreicht“ und schwieg seit Weihnachten.

Einige Aufträge, so Jan Ohle, seien durch die Corona-Pandemie verschoben worden, da sich Gemeindekirchenräte, die über Auftragsvergaben entscheiden, nicht trafen. Nicht so in Schortens. Bauausschussvorsitzende Annemarie Zeuske hatte den Handwerkern sogar Kuchen mitgebracht. Nach über 15 Jahren in ihrem Amt läutet sie zum 9. Juli ihren Abschied ein. Sie freut sich, einen Nachfolger zu haben.