Plattdeutsch ist unbezahlbarer Vorteil

Die Norddeutschen haben ein Recht auf ihre eigene Sprache, und Plattdeutsch zu sprechen ist ein Vorteil an Bildung, der unbezahlbar ist. Mit diesem Leitsatz rief Georg Schwitters, Beauftragter des Landkreises Friesland für die niederdeutsche Sprache, seine Zuhörer im Bürgerhaus auf, mehr Platt zu sprechen. Schwitters sprach auf Einladung des Heimatvereins anlässlich des neunten Europäischen Sprachentages.

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Der Referent machte seinen Standpunkt von vornherein klar: “Von Wörtern wie ‘Kiekkist’ für Fernsehgerät halte ich gar nichts, denn Platt ist wie alle lebendigen Sprachen Veränderungen unterworfen und nimmt selbstverständlich neue Ausdrücke auf”. Daher hatte Schwitters für seine Powerpoint-Präsentation auch keinen Plenglisch (Platt/Englisch)-Begriff erfunden.
Nachdem der ehemalige Vorsitzende des Heimatvereins den Anwesenden die Herkunft der Indogermanischen Sprachen und ihre Entwicklung zu den modernen Sprachen Europas mit zwei Lautverschiebungen vom Indogermanischen zum Ur-Germanisch und von dort zum Hochdeutschen dargestellt hatte (siehe beigefügte Folien), bewies er stolz, dass die Niederdeutschen ihrer Zeit immer schon voraus waren. Bereits ein Jahr vor der Lutherbibel erschien im Jahre 1533 in Lübeck eine nieder-deutsche Ausgabe aus der Feder des pommerschen Reformators Johannes Bugenhagen. “Platt war damals durch die Handelsverbindungen der Hanse Weltsprache. Von London bis nach Nowgorod konnte man sich damit verständigen”, erklärte der Schortenser. Aus dem Jahre 1524 ist das Delfter Testament ‘In goede platten duytsche’ überliefert, in Handelsverträgen löste Platt das Lateinische ab, und auch durch die Ostkolonisation verbreitete es sich bis ins spätere Ostpreußen. Bereits seit dem 13. und 14. Jahrhundert hatte sich durch die Abschriften des Sachsenspiegels, unter anderem durch den Rasteder Hinrik Gloyesteen, eine allgemein gültige Ausdrucksform herausgebildet.
Im Adel hatte sich das Plattdeutsch soweit durchgesetzt, dass es bis zum heutigen Tage sichtbare Spuren im Norwegischen und Schwedischen hinterließ, und auch das Englische sei über die ausgewanderten Angelsachsen Schwestersprache des Plattdeutschen. Der Satz ‘He geev mi’n Buddel Water.‘ hat sichtbare Ähnlichkeit mit dem englischen ‘He gave me a bottle of water.’ Mit dem Friesischen, das nur noch im Saterland, in Teilen Westfrieslands und auf den Halligen gesprochen wird, habe das alles nichts zu tun, denn ostfriesisches Platt sei eigentlich Sächsisch.
Durch das Ende der Hanse im 17. Jahrhundert setzte sich das auch als Lutherdeutsch bekannte Hochdeutsch durch, Platt bekam den Ruf, Sprache der Ungebildeten zu sein. “Norddeutschland war nun Zweisprachenland, gefördert durch die Einführung der Schulpflicht im 17. Jahrhundert”, bedauerte Schwitters.
Platt sei heute ein Kulturgut, das 20 Generationen gesprochen hätten. Allerdings gebe es eine Diskrepanz zwischen Ansehen und Pflege der Sprache. Sprache könne sogar sterben, wie etwa Sanskrit in Indien, Altgriechisch, Latein und Gotisch, warnte Schwitters. “Herkunfts- und kleine Regionalsprachen können in den Deutschunterricht integriert werden”, zitierte der Referent einen Erlass des Kultusministeriums. Damit würde Platt auf eine Stufe mit den Sprachen von Einwandererkindern gestellt. “Platt-deutsch muss Schulfach werden, denn zwei Sprachen sind mehr als eine”, wünschte sich Schwitters für die Zukunft.

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Michael Kunz erinnerte sich an seine Kindheit und an die Bitten seiner Mutter an seine Urgroßmutter, mit dem Jungen doch nicht soviel Platt zu schnacken, damit es sich nicht negativ auf das Hochdeutsch auswirkte. In Schortens soll Platt aber nicht nur ‘verschüttete Erinnerung’ bleiben, sondern, so Kunz’ Aufruf, Ehrenamtliche aus dem Heimatverein sollten sich im Rahmen der Ganztagsschule mit Plattdeutsch in den Schulalltag einbringen.
Umrahmt wurde der Vortrag durch Lieder des Duos AnnaLena aus Esens. Anna Frost und Magdalena Julius hatten ihre eigene Version des Rod-Stewart-Hits ‘I am sailing’ umgedichtet in ‘Lat uns flegen övert moie Fresenland’, besangen die ostfriesischen Mühlen und das Klootschießen und hatten für das ‘Krokodil in Neuharlingersiel’ extra eine Handpuppe parat.

Artikel im Jeverschen Wochenblatt

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