In die Pleite statt in die Zukunft

Wirtschaft Vor 65 Jahren siedelten sich die Schreibmaschinenwerke Olympia in Wilhelmshaven an

Jede einzelne Schreibmaschine wurde im Olympiawerk eingeschrieben und in allen Details auf die Funktionstüchtigkeit überprüft. Das Originalprotokoll der Überprüfung ging mit der Schreibmaschine an den späteren Käufer weiter.

Inzwischen ist der Betrieb längst geschlossen. Ende 1992 wurde dicht gemacht. Auf dem Gelände steht heute das Technologie Centrum Nordwest.

Wilhelmshaven – Absolut perfekt mussten sie sein. Es zählte nur allerbeste Qualität. Der Anspruch der vollkommenen Fehlerlosigkeit galt nicht nur für die Mitarbeiterinnen, die es in den sogenannten Einschreibraum geschafft hatten, sondern auch für die Geräte, die dort überprüft wurden.

Jede Schreibmaschine, die – beispielsweise in den 70er Jahren – die Olympiawerke im friesischen Schortens-Roffhausen bei Wilhelmshaven verließ, musste durch den Härtetest im Einschreibraum. Dort wurden von blitzschnell arbeitenden jungen Damen alle Funktionen überprüft – und ein entsprechendes Protokoll über das Einschreiben der Maschinen begleitete das Produkt anschließend bis zum Kunden, der dann stolzer Besitzer einer „Olympia“ war.

Legendäre Qualität

Die Qualität dieser mechanischen Schreibmaschinen war legendär. Weltweit symbolisierten sie die deutsche Wertarbeit. „Made in Germany“ stand für Spitze in Leistungsfähigkeit und Haltbarkeit.

Doch irgendwann geschah es dann. Schleichend zunächst, aber am Ende fuhr der Olympia-Zug mit rasanter Fahrt in die falsche Richtung. Mal wurde eine Weiche falsch gestellt, mal wurden nicht die richtigen Produkte an Bord genommen. Der Sprung in die Zukunft wurde jedenfalls nicht geschafft, stattdessen ging es in die Pleite.

Was vor 65 Jahren, am 8. Mai 1946, voller Hoffnung gestartet worden war, stand dann Anfang der 90er Jahre vor dem Aus.

Wer nicht kämpft…

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer aber nicht kämpft, hat schon verloren.“ Das hat Georg Olbrich damals im Arbeitskampf um die Olympia-Werke gelernt. Der 56-jährige Werkzeugbauer, den die NWZ  1991 zu Hause besuchte, hatte 1970 seine Lehre bei der Olympia begonnen.

Heute arbeitet Olbrich bei der AE Formen- und Werkzeugbau, einer der vielen Firmen auf dem ehemaligen Olympia-Werksgelände. Beim Besuch beeindruckt der Betrieb, ist modern, sauber und ansprechend eingerichtet. Dennoch schließt man Ende Mai endgültig, die Insolvenz der Mutterfirma konnte man nicht verkraften. Damit geht das letzte Stück Olympia-Urgestein.

Nach Kriegsende wurde der Schreibmaschinenhersteller zum Inbegriff des Aufstiegs in der Region. Mitarbeiter des ursprünglich thüringischen Unternehmens gründeten 1946 das Werk in Roffhausen, erzählt Holger Ansmann, ehemaliger Betriebsratsvorsitzender der Olympia. Der 53-Jährige lief schon als Junge durch die Werkhallen. Auf dem Höhepunkt im Jahre 1970 beschäftigte Olympia dort etwa 13 000 Menschen.

In der Wirtschaftskrise der frühen siebziger Jahre geriet das Unternehmen ins Straucheln. Schon damals kursierten Gerüchte über Massenentlassungen. Der große Kahlschlag blieb aus, aber Olympia erholte sich nie nachhaltig. Zweigwerke in Burhafe, Schwei, Braunschweig und Leer wurden trotz massiver Proteste stillgelegt. Zwischen 1980 und 1988 verschliss man vier Vorstandsvorsitzende. „Schnacker“ nennt Olbrich die, weil sie ihre vollmundigen Versprechungen nie einzulösen wussten. Jahr um Jahr wurden Arbeitsplätze abgebaut, bis 1991 nur etwa 2700 verblieben.

Dennoch gaben die Beschäftigten nicht klein bei, als Olympia-Mutter AEG im Oktober 1991 die baldige Schließung des Standortes ankündigte. Stattdessen wurden sie kreativ und entfesselten einen bundesweit beachteten Arbeits­kampf. Ein Gremium der Belegschaft entwickelte Ideen wie Autokonvois nach Bremen, einen Marathon von Wilhelmshaven zum Firmensitz der AEG in Frankfurt oder die Besetzung des Frankfurter „Römers“. Die Region zeigte sich solidarisch durch Mahnfeuer, bei denen in Friesland buchstäblich die Lichter ausgingen.

Im fernen Stuttgart betrieben die Olympianer eine ständige Mahnwache vor der Zentrale des Daimler-Benz-Konzerns, der AEG 1986 übernommen hatte. Der Piratensender „Radio Überleben“ machte ebenfalls auf den Arbeitskampf aufmerksam und gab auch nicht auf, als die Telekom zur Jagd auf die Schwarzfunker ansetzte.

Nur wenige Kündigungen

Zwar schlossen die Olympia-Werke zum Jahresende 1992 ihre Tore. Aber es gelang dem Betriebsrat, für fast alle Beschäftigten eine sozialverträgliche Lösung zu finden. Statt der angedrohten Massenentlassung gab es nur wenige Dutzend Kündigungen. Dass das historische Gelände dabei ganzheitlich entwickelt und nicht „auseinandergebröselt“ worden sei, wertet Holger Ansmann heute noch als Erfolg. Und Georg Olbrich pflichtet ihm bei: das Ganze sei „eigentlich gut gelaufen“.

Ansmann wurde Geschäftsführer des Technologie Centrums Nordwest (TCN), das heute 60 Unternehmen und etwa 2700 Beschäftigte auf dem alten Werksgelände vereint – so viele wie vor der Schließung. Ehemalige Olympianer sind aber nur wenige von ihnen.

In Rekordzeit

Olbrich kam schließlich zur AE Formen- und Werkzeugbau im TCN, die bei der Gründung zu hundert Prozent aus Olympianern bestand. Er wurde Betriebsratsvorsitzender und Mitglied im Ortsvorstand der IG Metall – vielleicht auch wegen der Erfahrungen bei Olympia, sagt er.

Auf die Geschichte ist man beim TCN stolz. Daran soll zum 65. Geburtstag der Olympia erinnert werden. Das TCN hat dafür am 8. und 22. Juni von jeweils 10 bis 14 Uhr Führungen und Vorträge auf dem Werksgelände angesetzt.

Der Erfolg des TCN hat übrigens auch etwas mit regionaler Anhänglichkeit zu tun. So las Mitte der 90er Jahre der aus Sande (Landkreis Friesland) stammende Bertelsmann-Manager Rainer Gerdes in Gütersloh über die Bemühungen des TCN. Gerdes war damals auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ein Call-Center, das unter anderem Aufträge für die Bahn erledigen sollte. Wenige Wochen später reiste er an die Nordseeküste – und in Rekordzeit wurden seine Pläne umgesetzt, mit Arbeitsplätzen für etwa 1000 Menschen.

Quelle:  Wirtschaft Wilhelmshaven: In die Pleite statt in die Zukunft – NWZonline.de.

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