Doppeljubiläum rund um AEG Olympia

[]ROFFHAUSEN – Aus für Schreibmaschinen-Produktion bereitete den Weg fürs Technologie Centrum Nordwest

Olympia galt lange als Wilhelmshavener Unternehmen. Der erste Verwaltungssitz war im Handelshof an der Mozartstraße untergebracht.

Der Dezember 1991 war ein Schicksalsmonat für die Region. In Frankfurt/Main beschließt der AEG-Aufsichtsrat am 9. Dezember, die Schreibmaschinenproduktion bei der AEG Olympia Office GmbH in Roffhausen bis zum Ende 1992 einzustellen.

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VON GERD ABELDT
Das Aus für die Olympia-Werke, ein schwerer Schlag für die Olympianer, ein Rückschlag für die ganze Region – zugleich aber eine Art Geburtsstunde für das Technologie Centrum Nordwest (TCN), in dem heute rund 2700 Menschenbeschäftigt sind.
Wie geht man heute mit dem 20-jährigen Jahrestag des Schicksalsdatums um? „Ich glaube, es ist weder ein Zeitpunkt zum Trauern noch ein Zeitpunkt zum Feiern – es ist ein Zeitpunkt der Besinnung, der Erinnerung an die schwierige Situation, in der damals vor 20 Jahren die Beschäftigten der Olympia-Werke gewesen sind“, sagt Holger Ansmann, Geschäftsführer der TCN Marketing GmbH.

Als damaliger Vorsitzender des Olympia-Betriebsrates weiß Ansmann, wovon er redet. Er erinnert an den Arbeitskampf, der bundesweit Aufmerksamkeit fand, an die Solidarität der Region mit dem Werk und an die Solidarität der Olympianer untereinander. Alles zusammen habe letztlich den Weg für den Aufbau des TCN auf dem ehemaligen Olympia-Gelände bereitet, der 1993 offiziell besiegelt wurde.
Jubiläumscharakter hat für Ansmann eher ein zweites Datum: 1946 – also vor genau 65 Jahren – wurde Roffhausen zum Industriestandort. Es ist Sinnbild für die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte, für das westdeutsche Wirtschaftswunder und für den Aufschwung der Region Wilhelmshaven-Friesland durch ein gelungenes Stück Wirtschaftsförderung, das in einer eher zufälligen persönlichen Begegnung zweier Männer seinen Anfang hatte.

Wie der Wilhelmshavener Journalist Hans-Jürgen Schmid recherchiert hat, trafen sich 1946 im westfälischen Bielefeld AEG-Vorstand Dr.Hämmerling und Olympia-Generaldirektor Joachim Wussow. Wussow , kurz zuvor mit einem Teil der Olympia-Führungsmannschaft aus dem inzwischen russisch besetzten Erfurt geflohen war, suchte nach einem Standort für den Aufbau eines Schreibmaschinenwerkes, konnte in Bielefeld aber nicht fündig werden.
Hämmerling machte ihn auf Wilhelmshaven aufmerksam, wo er selbst vergebens für die AEG nach Räumen für Schwermaschinengesucht hatte. Wussow schickte einen Brief nach Wilhelmshaven, der auf dem Schreibtisch des Stadtamtmannes Paul Hofmeister landete, der seinerseits die potenziellen Investoren umgehend einlud, nach Wilhelmshaven zu kommen. Der Besuch fand am 12.Mai 1946 statt, führte die Delegation unter anderem nach Roffhausen, wo das Gelände des ehemaligen Marinegerätelagers in Augenschein genommen wurde.

Innerhalb weniger Wochen fiel die Investitionsentscheidung. Am 1.Oktober erteilte die Militärregierung in Hannover ihre Genehmigung. Ende 1946 zählte das Unternehmen bereits 312 Mitarbeiter. Der Umbau des ehemaligen Marinegerätelagers in Roffhausen zu einer Produktionsstätte lief bereitsauf Hochtouren.
Dabei war „Olympia“ damals noch ein Wilhelmshavener Unternehmen. Domizil der Verwaltung des Betriebes war der damalige „Handelshof“, die spätere Stammdienststelle der Marine und die künftige Polizeizentrale von Wilhelmshaven.
Ein Rechtsstreit mit dem Olympia-Ursprungswerk in Erfurt führte 1947 dazu, dass „Olympia“ – bis 1950 – aus dem Firmennamen entfernt wurde. Der neue Name des inzwischen im Handelsregister Wilhelmshaven eingetragenen Unternehmens: Orbis Büromaschinenwerke AG.

An „Karl Orbis“, so der Name des Unternehmens in der Bevölkerung, erinnert sich auch Heinz Büsing noch sehr gut. Der Wilhelmshavener „Olympianer“ erlebte ab 1950 hautnah den Umbau und die Sanierung der Hallen 1 bis 9 durch den Architekten Franz Iwersen und regionale Unternehmer wie etwa den Malermeister Arnold Nietiedt mit.

Als Büsing Jahre später in den Ruhestand ging, sicherte er ein unscheinbares Orbis-Firmenschild, das in einem Werkstattraum auf seine Verschrottung wartete. Jetzt überreichte er das „zeitgeschichtliche Dokument“ an Holger Ansmann, der gemeinsam mit dem Heimatverein Schortens im TCN bereits eine Fülle von Olympia-Erinnerungen gesammelt hat.

Ohne Olympia, ohne den damaligen Arbeitskampf, so Ansmanns Überzeugung, wäre das TCN („das erfolgreichste Umstrukturierungsprojekt in Niedersachsen“) in seiner heutigen Struktur mit 2700 Arbeitsplätzen, einem bunten Firmenmix aus Klein- und Großbetrieben und positiven Perspektiven so nicht möglich gewesen.

Aktuell verweist der TCN Manager auf den laufenden Neubau eines Verwaltungsgebäudes der Bertelsmann-Tochter Arvato. Voraussetzung dafür sei die Ansiedlung von Bertelsmann 1995 gewesen, eine „wichtige Weichenstellung “für das ganze TCN. Arvato ist heute mit 1200 Beschäftigtender größte Arbeitgeber am Standort. Als zweite wichtige Weichenstellungnennt Ansmann den Verkauf des Olympia-Geländes1996 an die Doblinger Industriebau (DIBAG) AG. „Seitdem haben wir professionelle und solide Eigentümerstrukturen.
Das ist eine sehr wichtige Entscheidung gewesen, die mitentscheidend dafür war, dass wir bis heute 65 Unternehmen am Standortansiedeln konnten.“

Quelle: Wilhelmshavener Zeitung vom 17.12.11 Seite 10

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